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Die Duisburger Kupferhütte nach der Schließung 1985

In meiner Familiengeschichte spielt die „Hütte“ eine wichtige Rolle als klassischer Arbeitgeber des industriellen Zeitalters in Deutschland. Die etwa 150jährige Erfolgsgeschichte des Ruhrgebiets basierte einerseits auf dem fast unerschöpflichen Vorrat von Kohle tief in der Erde und der Produktion von Eisen und Stahl in den Hütten dieser Anfang des 19. Jahrhunderts erschlossenen Region.

Die Duisburger Kupferhütte wurde 1876 am Ufer des Rheins bei Duisburg durch Friedrich Wilhelm Curtius gegründet. Chemische Großtechnik war zunächst das Kerngeschäft dieser Gründerpersönlichkeit. Gemeinsam mit Konkurrenten entstand der ‚Plan zur Errichtung einer Kupferhütte in Duisburg mit dem Ziel, den Schwefelpreis durch die Verwertung kupferhaltiger Schwefelkiesbrände zu verbilligen’. 

Das „Hochfeld“ bei Duisburg war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein am Rhein gelegenes Ackerland unmittelbar am Schnittpunkt der beiden Flüsse Rhein und Ruhr gelegen. Auf diesem Hochfeld siedelte vor der Gründung der Duisburger Kupferhütte schon chemische Großindustrie (Schwefelsäure und Metallfarben) bevor 1876 Julius Curtius das Gelände von der Badischen Anilin- & Sodafabrik für die zu gründende DK mietete. Interessante Details zur Gründung der DK findet man in der Festschrift “75 Jahre Duisburger Kupferhütte 1876-1951": "Einfach und schlicht, von vornehmer Gesinnung, zurückhaltend, ja, abgeschlossen nach außen, aber eng verbunden mit allen, die am gemeinsamen Werk arbeiteten, und bemüht, ihnen in jeder Weise zu helfen – das war der Geist, in dem die Kupferhütte über 50 Jahre geführt wurde."

Die Kupferhüttenarbeiter, 1943 ca. 2.500, haben sich nie als bloße Nummern gefühlt, die Verwurzelung mit dem Werk war erstaunlich intensiv und wurde in der Regel in den Familien ‚vererbt’.

In meiner Familie war das auch nicht anders. Großvater, Vater, Onkel (2), Bruder und auch ich waren z.T. lebenslang mit dem Unternehmen verbandelt. Nach 1945 begann das Werk mit 650 Werksangehörigen den Wiederaufbau. Im Oktober 1945 waren es bereits schon wieder 1.300 Arbeiter und Angestellte. Ende November erteilte die britische Militärregierung die Genehmigung zur teilweisen Inbetriebnahme der Produktion von Gießereierzeugnissen und Kalziumkarbid.

 

Meine Familie.

Mein Großvater: zunächst Hochofenbetrieb, später Zinkwerk und danach krankheitsbedingt beim Werkschutz (Pförtner).

Mein Vater (gelernter Schreiner): ab 1945 in der Laugerei. Schlimmste Arbeitsbedingungen bei geringem Lohn. Frühverrentung mit 49 Jahren.

Mein Onkel: Zunächst Gießereifacharbeiter, später Meisterausbildung und Verlassen der Hütte.

Mein zweiter Onkel: Schweißer und Mitglied des Betriebsrats. Hüttenzugehörigkeit bis zur Rente.

Mein Bruder: gelernter Installateur (bei Kleinunternehmen 1959-62), danach
Wechsel zur Hütte als Betriebsschlosser bis zur Schließung des Betriebs.Seitdem arbeitslos.

Ich: Chemielaborant (Lehre 1961-65, Mannesmann, Duisburg Huckingen).
Ab 1965 Wechsel zur DK bis 1970. Anschließend Studium Fotografie.

In den folgenden Texten lasse ich meinen Bruder zu Wort kommen.

Diether Münzberg 1988/2014

Gesichtsschutzmaske

 Das Bild mit der Gesichtsschutzmaske ist für mich ein gutes Einstiegsfoto. Aus zwei Gründen: erstens, die Gesichtsschutzmaske ist ein Symbol für Arbeitsplätze, wo die Kollegen echt hart am Produktionsprozess beteiligt sind. Zweitens, so, wie die Maske im Staub liegt ist sie gleichzeitig ein Symbol für den Niedergang einer ehemals traditionsreichen Fabrik, die für etwas mehr als 100 Jahre im wahrsten Sinne des Wortes Heimat war für mehrere Generationen von Kupferhüttenleuten. Dies trifft für mich ebenso zu wie für fast alle männlichen Mitglieder meiner Familie. Ich selbst habe etwa 20 Jahre auf der Hütte gearbeitet, Mein Großvater vorher sein Leben lang, bis zu seiner Pensionierung. Mein Vater hat hier 18 Jahre in der Laugerei malocht. 1969 wurde er mit 49 Jahren Frührentner. Meinen beiden Onkel blieb die Hütte ebenfalls nicht erspart. Der eine, Anfang der Fünfzigerjahre aus russischer Kriegsgefangenschaft kommend, gab nur ein kurzes Gastspiel. Nach wenigen Jahren als Gießereifacharbeiter und abendlicher Weiterbildung zum Meister, verließ er bald die Duisburger Kupferhütte. Der andere, Schweißer von Beruf und Betriebsratsmitglied bis zu seinem Ausscheiden, blieb dem Betrieb bis 1983 treu. Mein Bruder, der diese Aufnahmen gemacht hat, gab auch nur ein kleines Gastspiel. Vier Jahre als Chemielaborant und Schichtenbulle haben ihm gereicht. Der war im Hauptlabor und hat den Betrieb von innen nie gesehen. Am längsten hab ich es ausgehalten. Mein Abgang 1985 war zwar nicht toll, aber was soll’s. Jetzt, 1987, bin ich raus und konzentriere mich auf andere Dinge. Seit 1988 läuft auf der Hütte nur noch der Hochofenbetrieb, solange sich Roheisen eben noch verkaufen lässt. Wenn der Markt mal zu schlecht werden sollte, dann machen die den Laden sehr schnell ganz dicht. Hütte adé! Sei’s drum, die Hütte war im Nachhinein gesehen eine der größten Dreckschleudern im Ruhrpott. Nur, solange man sein Geld dort verdienen konnte, solange man sich einredete, die Hütte sei deine Heimat, solange man das Gefühl hatte, ein Teil einer großen Familie zu sein, so lange interessierte einen das gar nicht.
 

Schaltzentrale

Das Bild der zerfallenen Schaltzentrale erinnert mich an meine eigene Geschichte.

In einer ähnlichen Warte, etwa dreimal so groß, habe ich zuletzt bis zu meiner Entlassung gearbeitet. Bis ich nicht mehr konnte. Es ging nix mehr, ich war gesundheitlich am Ende. Warum? Wie kam es dazu?

Als ich vor etwa zwanzig Jahren auf der Hütte anfing war ich Wartungsmonteur. Ich hatte Klempner/Installateur bei einem kleinen Krauter gelernt und dort auch gearbeitet. Berufliche Sicherheit bot aber nur eine große Firma. Also Kupferhütte. Ich war glücklich, hatte wenig Stress, nette Kollegen und das Gefühle, eine alte Tradition fortzusetzen, denn alle männlichen Familienmitglieder hatten irgendwann mit der Hütte zu tun. Später habe ich dann so langsam ‚Karriere’ gemacht bis zum Meistervertreter. Mitte der 70er Jahre habe ich einen Meisterkurs mitgemacht, leider ohne Erfolg.
Zu blöd, zu wenig Engagement, zu träge... was weiß ich, mir ging es ja auch so ganz gut. Als die Hütte dann Anfang der 80er Jahre damit begann, einzelne Betriebe innerhalb der Fabrik zu schließen - es gab viel Protest damals - , war ich einer der wenigen Glücklichen, die von dem neuen Besitzer der Hütte einen befristeten Arbeitsvertag bekamen.

Ich fühlte mich privilegiert. In einer Stadt wie Duisburg arbeitslos zu sein ist schließlich kein Vergnügen. Für die Arbeiter über vierzig und mit meiner schlichten Qualifikation gab es damals keine Arbeitsplätze. Ich war Ende Dreißig. Okay, ich durfte also weiter machen. Hätte ich meine Zukunft vorhergesehen, wäre ich besser gleich gegangen.

Mein neuer Arbeitsplatz war die Energiezentrale des Hochofenbetriebs, alle anderen Betriebe waren eh schon geschlossen. Schöne, neue Welt! Du kannst es dir nicht vorstellen, acht Stunden nur Knöpfe drücken, aufblinkende Lichter achten und nur den Überblick nicht verlieren. Das nervt. Wenn du Mist baust geht irgendwo was zu Bruch und das bedeutet Produktionsausfall. Das sehen die Herren gar nicht gerne. Passiert dir das mehr als zweimal bist du weg vom Fenster. Nun, erst lief es ganz gut, wir waren zu viert auf der Schicht, zwei in der Warte, zwei auf Kontrollgang.  Man konnte sich ablösen, Verantwortung teilen. Dann hieß es: drei Personen reichen auch. Wir haben protestiert, aber selbst der Betriebsrat war machtlos. Die hatten selber Schiss! Stress blieb nicht aus. Wurde ein Kollege krank, gab es zu Anfang noch den Springer, der aber schnell abgeschafft wurde. Dann musstest du die Schicht mit nur zwei Mann bewältigen. Unmöglich. Heute würde man das Vorgehen der Werksleitung als Raubtierkapitalismus bezeichnen: produzieren was geht und das so billig wie möglich. Von Verantwortung für die Belegschaft, lange Jahrzehnte bei der Hütte oberstes Gebot des Managements, war nichts mehr zu spüren. Wir waren zu Nummern verkommen.

Die Gewerkschaft? „Da können wir nichts machen, Kollege, da musst du durch. Die Zeiten sind nun mal so...“. Geschwätz.

Also, den Stress konntest du so nicht ertragen. Und wie es dann so geht. Der eine säuft, der andere wird krank und der nächste kriegt nix mehr geregelt. So wie ich. Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit, Übelkeit und zuletzt Angst und Ekel vor dem Arbeitsplatz. Das ging so weit, dass ich die Messwarte nicht mehr betreten konnte, als wäre da eine Wand aus Glas. Was sollte ich machen? Tabletten? Saufen? Ich entschied mich für die Therapie. Ich wurde krankgeschrieben und nach einem Jahr war ich meinen Job los. Arbeitslos mit Frau und zwei Kindern.

Kantine

Das sind die Überreste der Kantine im Gemeinschaftshaus A. Man kann schon ein wenig wehmütig werden, wenn man das so sieht, alles leer und tot. 1983, mit Schließung der umliegenden Betriebe, wurde auch dieses Haus nebst Kantine dichtgemacht. Sie war immer so etwas wie der ruhende Pol im Chaos. Hier trafen sich alle: Doktoren, Betriebsleiter, Meister und nicht zuletzt wir Schichtenbullen. Allerdings nur die Frühschicht. D.h., nur sieben Tage im Monat warst du so etwas wie ein normaler Mensch. In der Kantine war richtig Pause angesagt. Entweder kurz, mit heißem Kaffee oder, und das ging nur die Tagschicht an, richtige Mittagspause mit warmer Mahlzeit, die aber aus dem eigenen Henkelmann kommen musste, weil warmes Essen zwar angeboten wurde, aber für Arbeiter zu teuer war. Wir, die Wechselschichtler, standen sowieso außen vor, denn die Kantine hatte bestimmte Öffnungszeiten, die nur für die normalen Tagschichtler interessant waren. Für uns gab es nur Gummibrötchen und schlappen Kaffee aus Automaten, die oft nur Geld schluckten und nichts dafür rausrückten. Alkohol war grundsätzlich verboten. Das war nicht immer so. Wie es zum „freiwilligen“ Verzicht auf Bier während der Arbeitszeit kam umreißt folgende

Anekdote aus der Jubiläumsschrift: 

“...so modern diese Einstellung erscheint, so patriarchalisch mutet wiederum manches andere an. Geheimrat Weber war zum Beispiel ein großer Alkoholgegner und musste sich darum immer wieder über den Durst der Kupferhüttenleute und ihren Bierverbrauch wundern. Um sie davon abzubringen, ließ er Mineralwasser, Malzkaffee und Milch beschaffen. Trotzdem fuhren die Arbeiter fort, bei der Gastwirtschaft Bayer Bier in großen Glasballons zu holen. Daraufhin entschloss sich Geheimrat Weber auch einen Ausschank von Flaschenbier im Werk einzurichten. Über den Bierverbrauch ließ er sich genau unterrichten. Auf dem täglichen Rapportzettel, den er sich vorliegen ließ, waren nicht nur die ankommenden Schiffe, die Röstleistung und das Kupferausbringen verzeichnet, sondern auch der Bestand, Zu- und Abgang von Flaschenbier. Als eines Tages im Jahr 1907 eine Deputation von Arbeitern bei Geheimrat Weber um eine Lohnerhöhung bat ließ er sich den Rapportzettel geben und rechnete ihnen vor welch enorme Beträge während der Arbeitszeit auf der Hütte für Bier ausgegeben würden. Er erklärte, nicht einsehen zu können, dass eine Lohnerhöhung notwendig sei, wenn soviel Geld für ein nicht unbedingt lebensnotwendiges Getränk verschwendet würde. Die Deputation zog ab, kam aber nach sechs Wochen wieder und bat um Abschaffung des Bierausschanks.
Geheimrat Weber freute sich und bewilligte die Zulagen“.

So wurden damals Löhne ausgehandelt! Tarifverträge gab es erst ab 1920.

Übrigens ging es der Gaststätte Bayer ab da wieder gut.

Gemeinschaftshaus A

Die DK hat von Beginn an viel Wert darauf gelegt, dass sich alle Werksangehörigen wie eine große Familie fühlten. Mit dabei zu sein war nicht das schlechteste.
Die Hütte war von Anfang an vorbildlich was Lohn, Sozialleistungen und Fürsorgepflicht gegenüber ihren Arbeitern anging. Viele Leistungen, einschließlich Wohnungsbau, Gewinnbeteiligung in Form des „Gerechten Lohns“, betriebseigene Krankenkasse und vieles mehr waren selbstverständlich. Auch arbeitspolitische Dinge wie etwa die Mitbestimmung wurden frühzeitig diskutiert und umgesetzt.
Der Arbeitnehmer hatte das Gefühl der sozialen Sicherheit und noch wichtiger, er wurde ernst genommen. Jeder einzelne, einschließlich der Familienangehörigen. Dafür waren die Kupferhüttenleute dankbar. Nicht umsonst hieß
unsere Werkszeitschrift „WIR“. Diese Zeitschrift war ein Forum für all diejenigen, die sich für wichtig hielten oder es tatsächlich waren. In der WIR erwähnt zu werden war das Größte! Ich kann mich noch genau erinnern, als Kinder haben wir immer mit Spannung auf die neue WIR-Ausgabe gewartet, stets in der Hoffnung, endlich mal was über unseren Vater zu lesen. Und dann die Witzseite! Heute, nachdem ich nach mehr als 35 Jahren die ersten WIR-Ausgaben wieder in den Händen halte, kann ich mich noch genau an fast jede der lustigen Zeichnungen erinnern. 
In der Werkszeitung abgedruckt zu sein war das allergrößte. Der Kollege Fritz Schöneberg war als DK-Familienmitglied offenbar so glücklich, dass er seiner Meinung zur Hütte in einem Gedicht zum 75-jährigen Jubiläum 1951 Ausdruck verleihen musste:

In der schönsten Blütezeit jährt
nun dein Gründungstag sich heut’.

Ein jeder, der bei dir beschäftigt,

am heutigen Tage gern bekräftigt,

dass er setzt seinen Stolz darein,

ein Kupferhüttenmann zu sein.

Und alle Kupferhüttenleute

sind einig in dem Wunsch sich heute,

du mögest immer fort bestehen,

zu keinem Zeitpunkt untergehen.

Der weiße Dampf aus den Kaminen,

er möge nur den Frieden dienen.

Solang sich Hände bei dir regen,
gerate alles dir zum Segen.

Drum für den weit’ren Lebenslauf

hiermit ein kräftiges Glück auf! 

 

Kein Gedicht, aber immerhin einer Armbanduhr aus Edelstahl nebst drei Monatslöhnen extra bekamen die Mitarbeiter bei 25-jähriger Werkszugehörigkeit. Bei 50 Jahren gab’s eine goldene Uhr und ebenfalls Extrageld. Die Uhren wurden, ähnlich wie der beste Anzug, nur sonntags und mit echtem Stolz getragen. Die Uhr von meinem Großvater befindet sich noch heute in meinem Besitz. Zum Tragen ist sie zu schade, aber sie geht noch recht genau, nach über 30 Jahren.

Lebenshilfe

Um ihre Mitarbeiter auch über den Arbeitsplatz hinaus mit Lebenshilfe zu versorgen, wurde anfangs der Fünfzigerjahre eigens dafür eine Werksfürsorgerin eingestellt. Diese Frau, noch sehr jung und selber nicht verheiratet, sie lebt heute noch immer in meiner Nachbarschaft, war so sehr um das seelische und körperliche Wohlbefinden der Arbeiter besorgt, dass  sie es sich nicht nehmen ließ, in einem offenen Brief an die Mutti zu Hause Tipps zur effektiveren Regeneration des Schichtarbeiters zugeben.

WIR Nr. fünf Mai 1953:

Liebe Hausfrau! Wir wissen, dass es zu einem guten Teil von ihnen abhängt, ob ihr Mann, unser Belegschaftsmitglied, gut gelaunt zur Arbeit erscheint. Ob er Zeit hatte, richtig zu frühstücken, kurz: ob er seinen Seelenfrieden und gestopfte Socken hat. Wenn ich Ihnen also einen Tipp geben darf: sobald ihr Mann nach der Schicht nach Hause kommt, gleich bei der Begrüßung ein nettes Gesicht machen, Vater die Tasche abnehmen, nicht viel reden, und erst mal nichts Weiteres als das Essen auf den Tisch. Auch während des Essens ist es noch am besten, ihn erst einmal in Ruhe und die Kinder möglichst im Nebenzimmer zu lassen.
Wenn er in dieser Zeit ein wenig geistesabwesend vor sich hinstarrt, ist das ein ganz gewöhnlicher Entspannungsvorgang. Männer nach der Schicht müssen so sein! Und noch ein Tipp im Vertrauen: interessieren Sie sich auch etwas für seine Arbeit und seine Umgebung im Werk, sie ist nun mal mit die Hauptsache im Leben eines richtigen Mannes! Er findet es großartig, wenn auch seine Frau daran Anteil nimmt, alles wissen will und
ein bisschen stolz ist auf ihn und seine Arbeit.

Nett, aber der geistesabwesende Blick hatte oft andere Gründe. Ich weiß, wovon ich rede!

Arbeitsplatz am Pressfilter im Zinkwerk

Sieh dir das Bild genau an. Was du siehst ist ein Arbeitsplatz auf der Duisburger Kupferhütte im Jahr 1983. Es ist beschämend. Da steht eine selbst gefertigte Bretterhütte mit selbst gebastelter Holzbank. Das ganze nennt sich Pausenplatz. Aber glaube bitte nicht, du hättest das benötigte Holz im Magazin bekommen. Nein! Vom Schrott musstest du dir das Material besorgen. Der ganze Bretterverhau ist total illegal. Eigentlich sollten die Arbeiter 8 Stunden an der Maschine stehen und nicht sitzen. Große Pause gibt es für Schichtarbeiter nun mal nicht, und die Werksleitung hätte deshalb von sich aus annehmbare Pausenplätze schaffen müssen. Tat sie aber nicht, war denen bestimmt zu teuer. Früher war das schon alles besser. Erst ab Mitte der siebziger Jahre, als die Hütte tief in den roten Zahlen steckte und Arbeitsplätze abgebaut wurden, wie man das heute so schön nennt, wurde auf die Menschen am Arbeitsplatz nur noch wenig Rücksicht genommen. Die konnten ja gehen, wenn sie nicht mehr wollten! Die letzten Jahre auf der Hütte waren für manche Kollegen gnadenlos. Von der Fürsorglichkeit, die die Hütte einst auszeichnete, waren nur noch Fragmente vorhanden. Den Gedanken der großen Familie hatten die Aktionäre schon vorher über Bord geworfen. Als Schichtarbeiter warst du zwar noch Familienmitglied, aber leider der letzte Arsch der Familie. Für viele der älteren Kollegen - wir Jüngeren hatten nicht dieses starke Wir-Gefühl – war das ein unwürdiger Abschied, den sie nicht verdient hatten. Mit anzusehen wie all das in die Brüche ging für das man sich sein Leben lang krummgelegt hatte und mit dem man sich zu identifizieren wusste, war schon bitter.

 Chlormelder im Zinkwerk
Wenn jemand die Scheibe des Chlormelders einschlug und den Knopf drückte, war hier in Minuten die Hölle los. Chlor ist schlimmer als Feuer. Flammen verbreiten sich relativ langsam, Flammen brauchen Nahrung, Flammen lassen sich meistens irgendwie abgrenzen. Aber Chlor? Ich habe solch einen Alarm einmal erlebt. Damals riss der Stutzen eines Druckbehälters eines Chlorwaggons ab. Ich war nicht in unmittelbarer Nähe des Unglücksortes, Gott sei Dank. Tatsache ist, der Flansch flog weg, Chlorgas strömt heraus und verbreitete sich als Giftgaswolke am Rheinufer. Wenn so etwas passiert, kannst du nur noch deine Beine in die Hand nehmen und in die richtige Richtung weglaufen. Such dir eine Schutzmaske und bleib cool. Kommst du auf Panik, weißt du nicht mehr, wo die richtige Richtung ist. Holt dich die Wolke ein, hast du schlechte Karten. Die Wolke ist dann über den Rhein getrieben und konnte keinen Schaden anrichten.
Damals lief das so ab: Alarm! In wenigen Minuten ist ein Trupp speziell ausgebildeter Werkschutzleute in Schutzkleidung am Unglücksort. Die fangen sofort damit an, Wasser auf die Wolken zu spritzen, damit das Chlor sich mit dem Wasser zu Salzsäure verbindet und so zu Boden regnet. Ist es windstill, kriegt man die Sache mit dieser Methode gut in den Griff. Steht aber der Wind ungünstig, gibt es in Duisburg und Umgebung Katastrophenalarm. Bei dem Unglück, dass sich vor etwa zehn Jahren ereignete, gab es tatsächlich Großalarm und der Rhein wurde für mehrere Stunden gesperrt. Solche Unfälle sind gottseidank sehr selten. Kleinere Unfälle, auch mit Personenschaden, gibt es allerdings des Öfteren. Als ehemaliger Sicherheitsbeauftragter könnte ich da eine Menge erzählen. Gasvergiftungen im Hochofenbereich zum Beispiel gab es ziemlich oft. Ohne Vorwarnung fällst du einfach um, wenn du zu viel vom Hochofengas einatmest. Zu Vergiftungen kam es meistens bei Wartungsarbeiten. Wenn du etwa beim Steckscheiben setzen an den dicken Gasleitungen deine Atemmaske nicht richtig aufhast fällst du um. Ich hatte immer Schiss vor diesem Job. Es beruhigte mich auch nicht, dass gleich neben der Reparaturstelle ein Bereitschaftswagen der Feuerwehr stand. Für alle Fälle. Im Gegenteil. Schlimmer war das schleichende Gas, wenn es sich unbemerkt in der Ofenhalle ausbreitete. Schuld daran war dann in der Regel eine aufgeflogene Explosionsklappe im Gasleitungssystem verursacht durch Gasdruckstöße im Hochofen. Die entstehen, wenn der Ofen unsachgemäß beschickt wird. Ein wirklich schwerer Unfall ereignete sich vor zwei Jahren, als ein fachfremder Ingenieur vermutlich mit brennender Zigarette in einen stillgelegten Gasreiniger hineinsah. Klar, das Ding flog in die Luft. Er überlebte schwer verletzt, hat bis heute nicht wieder gearbeitet.

Cadmiumabfüllung

Es gab hier auf der Hütte Betriebe mit Arbeitsbedingungen die gelinde gesagt kriminell waren. Zum Beispiel die Cadmiumanlage. Stell dir vor: da wurde als Zwischenprodukt ein hochgiftiges Cadmiumsalz nicht nur hergestellt – das wäre ja noch normal – nein, man ging mit ihm um wie mit Backpulver beim Kuchenbacken. Arbeitsschutz gleich null. Die ganze Abfüllstation sah aus wie mit Puderzucker bestreut, mit sehr giftigem allerdings. Hier und an vielen anderen Stellen wurde die Belegschaft einfach verheizt. Die Arbeiter haben sich aus Abfallbrettern einen mehr oder weniger offenen Holzverschlag gebaut und ihre Brote dort gegessen und ihr Bier getrunken. Wobei Bier in fast allen Betrieben getrunken wurde. Dass die Leute in dieser Umgebung nicht gleich tot umgefallen sind, war ein Wunder. Von denen hat keiner die Rente weit überlebt. Entweder sind sie an Cadmiumvergiftung krepiert oder die Leberzirrhose hat sie erledigt. Was glaubst du, wie die gesoffen haben! Zurück zum Foto. Hier sieht es ja alles noch ziemlich harmlos aus, aber ich sage dir: die reinste Hölle. Es stank auch so. 

Kupferfällung

Hier siehst du die gewaltigen Schrägtrommeln der Kupferfällung nebst Auffangbottichen für die Lauge. Jede Trommel hat einen Durchmesser von 5-6 Metern und dreht sich ständig. Gefüllt waren diese Ungetüme mit Schrott und Kupferlauge. Der Geräuschpegel in der Halle war unerträglich! Ununterbrochen. Wie wichtig diese Trommeln für die Kupferhütte waren, belegt ein Text aus einer Festschrift von 1951:

 

Wenn in den letzten 20 Jahren fachfremde Besucher in dem üblichen, flüchtigen Vorbeigehen die Werksanlagen der DK besichtigten, dann nahmen sie zwei Eindrücke mit: Die Erinnerung an den Schrottberg, den sie gleich am Eingang erblickten und das Staunen über die „Urwaldtiere mit ihren langen dünnen Rüsseln“, als welche sich
ihnen die Schrägtrommeln in der Kupferfällung präsentierten. Diese Schrägtrommeln waren darum auch die meistphotographierten Apparate. Schon im Jahr 1934 wurden sie auf der großen Ausstellung in Berlin „Deutsches Volk, deutsche Arbeit“, von Künstlerhand stilisiert, auf die Wand der Chemiehalle gemalt und dadurch geradezu zum Symbol der anorganischen Großchemie erhoben. Die dicht nebeneinander liegenden riesigen Elefantenbäuche stellen in ihrer langsam drehenden Bewegung gleichsam das Urbild der Verdauung dar.
Das innere der Schrägtrommeln ist der Ort, an dem sich der Austausch des in der Lauge gelösten Kupfers gegen Eisen vollzieht. Der Schrott wird von dem mit einem Polygreifer ausgestatteten Kran in die oben offenen, schrägliegenden, sich drehende Trommeln geworfen, in ihnen dauernd umgewälzt und dabei nach und nach im Austausch mit dem Kupfer der Lauge aufgelöst. Nach beendeter Abscheidung des Kupfers wird diese zusammen mit der entkupferten Lauge durch die Ablaufventile am unteren Trommelende in große Nutschen entleert in denen sich das Kupfer am Boden absetzt. Bei der Montage der ersten fünf Trommeln im Jahre 1935 kam es zu folgendem Zwischenfall: Als die erste Trommel mittels einer schiefen Ebene auf ihr mehrere Meter über Hüttenflur liegendes Betonfundament hinauf gezogen worden war, machte sie sich selbständig und rutschte wie ein vom Stapel laufendes Schiff die schiefe Ebene herunter. Sie kam erst zum stehen, nachdem sie mit ihrem unteren Ende ein großes Loch in die Wand des Gebäudes gebrochen hatte.

 

Wären hier Menschen auf dieser Aufnahme zu sehen, käme uns die Größe dieser Trommeln erst richtig gigantisch vor. In diesem Betrieb hat mein Großvater 15 Jahre seines Arbeitslebens verbracht. Das war nach dem zweiten Weltkrieg.

Ganz früher war er am Hochofen. Später ist er dann rüber ins Zinkwerk. Als er dann gar nicht mehr konnte, seine Lunge nicht mehr funktionierte, bekam er sein Gnadenbrot als Pförtner im Werkschutz. Nach dieser typischen Werkskarriere ist es ein Wunder, dass er seine Pensionierung noch sechs Jahre überlebt hat. Für Kupferhüttenverhältnisse ein guter Schnitt. Bronchitis war bei ihm allerdings schon mit fünfzig chronisch.

Staubfilter in der Kupferfällung

Ich habe eine alte Jubiläumsschrift zum 75-jährigen Bestehen der Duisburger Kupferhütte aus dem Jahr 1951 zu Hause. Darin kannst du lesen wie toll die ganzen Metallgewinnungsverfahren ausgetüftelt waren. Da steht zum Beispiel wie hoch die Ausbeute des jeweiligen Metalls in Prozenten war. Da steht, wie günstig doch die Kostenseite der Produktion bewertet wurde. Da steht auch, dass all das Mistzeug, heute würde man Dünnsäure dazu sagen, mit dem nichts mehr anzufangen war, einfach so in den Rhein geleitet wurde. Da ist aber nichts darüber zu lesen, unter welchen Bedingungen die Arbeiter mit den anfallenden giftigen Substanzen leben mussten. Offensichtlich hat man solche Faktoren ignoriert. Vielleicht wusste man es auch nicht besser. Wie anders wäre zu erklären, dass Bodenproben, im Jahr 1986 durch die Umweltorganisation Greenpeace erstellt, eine derartige Giftdurchseuchung des Terrains ergeben haben, dass eine Nutzung des Fabrikgeländes für andere Zwecke zukünftig nicht so ohne weiteres infrage kommen dürfte. Es wurden zum Teil Werte festgestellt, die den Vergleich mit Seveso nicht zu scheuen brauchten!